Home funk die Frage – Interview mit Michael Bartlewski
die Frage – Interview mit Michael Bartlewski

die Frage – Interview mit Michael Bartlewski

0
0

Die Frage ist ein Reportage Format, welches vom BR für funk produziert wird. In verschiedenen Themenreihen geht es inhaltlich um Fragen wie „Wie schlimm ist Knast?“, „Wie komme ich mit dem Tod klar?“ und vielen Weiteren. Im Rahmen unserer funk-Reihe sprachen wir mit Michael Bartlewski.

 

TubeNOW: Wenn du das Format „die Frage“ kurz beschreiben müsstest: Worum geht’s?

Michael: Ich stelle mir eine Frage, die nicht so einfach zu beantworten ist. Die hat auch oft mit gesellschaftlichen Problemen zu tun, mit Vorurteilen oder Tabus. Ich schaue mir die Situation an, wie sie wirklich ist, und probiere Sachen aus.
Aber auch die Fragestellung muss passen. Wir arbeiten wirklich sehr konkret an der Formulierung. Es ist wichtig, dass wir mehrere Folgen dazu drehen können. Schritt für Schritt nähern wir uns in den Videos dann einer Antwort.

Oft behandeln wir auch Fragen, von denen ich am Anfang recht wenig weiß. Im Journalismus ist es oft so, dass man einen Beitrag macht und schon im Vorfeld die Antworten kennt. Wir wollen genau das Gegenteil machen. Wir wollen wirklich offen mit einer Frage starten und uns dann überraschen lassen können.

TubeNOW: Wie viel bereitest du dich vor einem Dreh vor? Bei verschiedenen Themen, wie beispielsweise Trans, gibt es ja einige Fettnäpfchen in die man treten kann. Wie viel recherchierst du und wie viel behältst du bewusst außen vor?

Michael: Das ist sehr themenabhängig. Es gibt Themen, da muss ich vorher viel wissen und recherchieren. Beim Thema Trans war mir wichtig, fast blank zu starten. Ich hab sicher irgendwann mal eine Doku dazu gesehen aber ich wusste echt nicht viel.
Ich mach‘ das mittlerweile sogar recht gern, mich absichtlich nicht vorzubereiten. Der Vorteil daran ist nämlich, dass die Kamera dann eine natürliche und nicht geschauspielerte Reaktion einfangen kann.
Eine tolle Sache an diesem Job ist auch, dass ich immer neue Eindrücke daraus mitnehme. Für uns ist es auch wichtig, weniger mit Experten zu sprechen, sondern vielmehr mit Betroffenen selbst. So bekommen wir einen besseren Einblick.

TubeNOW: Wenn du sagst, dass du viel dazu lernst: Wie verändert das deinen Umgang mit entsprechenden Themen im Alltag?

Michael: Es ändert sich auf einer großen Ebene. Ich werde immer schlauer, da ich durch jede Geschichte, die ein Mensch mir erzählt, etwas Neues dazu lerne. Es hat schon sehr oft bei mir Klick gemacht. Ich verliere, wie zum Beispiel beim Thema Behinderung, oft meine Berührungsängste. Wenn wir etwas über Trans* machen, kann ich den Struggle viel mehr verstehen. Mir ist klar geworden, dass es keine Entscheidung ist und dass die betroffenen Menschen einen unglaublich harten Weg gehen. Genau dieser Gedankenwandel lässt sich auch im Video erkennen.
Für mein Leben ist das sehr wertvoll, da ich immer mehr über Menschen lerne und viel offener werde. Vielen Personen sieht man ja gewisse Dinge wie Trans* Identität, Behinderung oder eine psychische Krankheit auch nicht an. So baue ich auch meine Vorurteile ab. Es ist echt eine Bereicherung für mein Leben, so viele neue Leute kennenzulernen.
Oftmals habe ich auch im Nachhinein noch Kontakt mit Menschen, die in den Reportagen vorkommen. Natürlich ist es auch spannend zu erleben, wie es weiter geht. Ein heimlicher

michael bartlewski
Michael Bartlewski

Traum von mir ist es, all die Leute, die wir in den vergangenen Jahren getroffen haben, bei einem Wiedersehen in einem Raum zu vereinen und Gespräche zu führen.

TubeNOW: Was hat der Wechsel zu funk für euch verändert?

Michael: Früher waren wir eine klassische Fernsehsendung mit 30 Minuten Laufzeit pro Folge. Der Wechsel zu YouTube war etwas völlig Neues, selber wusste ich auch gar nicht viel darüber.  Aber jetzt haben wir schon einiges gelernt, dass die Interaktion zum Beispiel wichtig ist. Ich finde es toll zu sehen, wie das Video in den Kommentarspalten weiterlebt. Ich lese dort unglaublich gern die Geschichten, die die Zuschauer schreiben. Diese bringen mich dann oft nochmal einen Schritt näher hin zur Antwort auf die Frage.
Auch geändert hat sich, dass wir die Themen in kürzere Videoabschnitte aufteilen und wir alles Künstliche, wie beispielsweise Grafiken, Animationen und Offtext komplett gestrichen haben. Wir sind sehr roh und direkt. Ich empfinde den Wandel insgesamt als sehr positiv.

TubeNOW: Wie sehr hast du dich vor funk bereits mit YouTube beschäftigt?

Michael: Unsere Sendungen waren auch vor unserer Zusammenarbeit mit funk bereits auf YouTube verfügbar. Wir selber haben diese Plattform damals aber nur als Abspielstation wahrgenommen. Daher mussten wir erstmal lernen, dass man seine Inhalte an diese Plattform anpassen muss. Damit meine ich beispielsweise Endcards oder das direkte Ansprechen der Community mit einer Frage.
Mittlerweile schaue ich auch ganz anders YouTube. Ich beobachte die Strategien anderer Kanäle und werfe auch mal einen Blick in die Analytics. Es ist spannend zu beobachten, wo Leute abspringen und das ermöglicht uns, uns stetig zu verbessern.

Auf YouTube wird mittlerweile vieles professioneller und man kann viel darüber lernen, wie man heutzutage Geschichten erzählen muss. Dabei wird vor allem Authentizität immer wichtiger. Man kann durchaus tiefgehende Inhalte produzieren, aber teils gestellte und perfektionistische Inhalte, wie man sie im Fernsehen noch oft vorfindet, sind heute nicht mehr so gefragt.

TubeNOW: Seit wann gibt es euer Format denn schon und was war vor funk?

Michael: Die Frage war ganz lange eine Radiosendung. Seit circa sieben Jahren läuft das Format bei PULS, beim Bayrischen Rundfunk. Daraus wurde dann vor ca. vier Jahren eine Fernsehsendung und 2016 haben wir dann das Angebot erhalten, für funk zu produzieren. So wie es aktuell ist, gefällt es mir auch richtig gut, aus dem bereits genannten Grund, dass es mehr Feedback gibt. Die Radioshow machen wir allerdings parallel immer noch. In dem Podcast erhalten die Hörer dann auch zusätzliche Hintergründe.

TubeNOW: Wie kommt ihr denn auf die Themen für das Format?

Michael: Oft sind es meine Themen. Fragen, die mir begegnen. Dinge, die ich herausfinden möchte. Bei den Themen Trans* und Psychiatrie wurden die Wünsche von der Community an uns herangetragen. Bei den psychischen Erkrankungen war sogar die Person, die den Vorschlag gemacht hat, am Ende selbst Protagonistin im einem Video.

Wir haben ein sehr kleines Team. Das umfasst eine Autorin, einen Kameramann und Cutter, eine Onlinerin und mich.  Und in diesem Team diskutieren wir viel über Themen und schauen, was von diesen eine Frage hergeben könnte. Wir schauen oft, dass wir auch einen Einblick in fremde Welten bekommen.

Relevant
Auf Klo - Interview mit Eda Vendetta

TubeNOW: Wie lange dauert die Produktion einer Themenreihe?

Michael: Pro Folge brauchen wir circa vier Tage mit Dreh und Schnitt. Die Recherche kann schon mal etwas länger dauern. Uns ist sehr wichtig, die richtigen Gesprächspartner auszusuchen und sowas kann schonmal zwei Wochen dauern. Bei manchen Themen kommt es vor, dass man zunächst nur Gesprächspartner findet, die schon oft in den Medien vertreten waren. Wir wollen allerdings die Leute finden, die oft nicht dem Klischee entsprechen und vielmehr ganz normal sind.
Auffällig war das bei der Reihe über Fetische. Dort findet man super leicht komische Leute, die bei Privatsendern Interviews geben. Wir wollten aber vielmehr die normalen Leute finden, die einen krassen Fetisch haben. Das dauert manchmal länger diese Leute ausfindig zu machen.
Unsere Autorin führt dann auch bereits Vorbesprechungen mit den Personen, bei denen ich nicht vor Ort bin. Ich versuche es wirklich so oft wie möglich einzurichten, dass mein erstes Gespräch mit den Protagonisten auch wirklich vor der Kamera stattfindet. Wir ziehen das ganz konsequent durch. Der Kameramann geht tatsächlich erst alleine rein, während ich im Auto warte. So wird bereits das erste Aufeinandertreffen authentisch wiedergegeben.

TubeNOW: Was war für dich persönlich das schwierigste Thema? – Und warum?

Michael: Das schwierigste und schönste zugleich, das war bisher mich mit dem Tod zu beschäftigen. Da hab ich zum Beispiel auf einer Palliativstation mitgearbeitet, wo Menschen liegen, die wahrscheinlich bald sterben werden. Da sind Menschen, die dir direkt ins Gesicht sagen:“Ich sterbe“. Das habe ich so noch nie gehört in meinem Leben. Damit musst du erstmal klar kommen und weißt nicht wie du reagieren sollst. Normalerweise probiert man es mit aufmunternden Sprüchen. Allerdings wissen in diesem Fall beide Gesprächspartner, dass die Aussage der Wahrheit entspricht. Das empfand ich zunächst als schwierig. Die Beschäftigung mit dem Tod macht einem aber auch klar, dass wir uns viel zu viel beschweren. In vielen Belangen können wir einfach froh sein, dass wir da sind. Wir sollten das mehr wertschätzen. Das gibt meinem Leben einen super starken Impuls.

Wenn ich ehrlich bin, mag ich diese schwierigen Situationen aber auch. Ich mag es etwas überfordert zu werden und ich mag es auch, wenn ich durch meine Arbeit etwas erleben kann, was ich sonst nie erleben würde. Ich war auch schon drei Tage im Gefängnis. Das ist zwar schwierig, aber ich bin so froh dass ich das machen kann. Ich mag es Situationen zu bewältigen, die größer sind als ich selbst.

TubeNOW: Gab es denn Themen, die von der Community kontrovers oder gar unschön diskutiert wurden?

Michael: Es gab mal ganz am Anfang etwas, da habe ich eine Folge über Waffen gemacht. Da gab es einige Diskussion. Wenn man aber allgemein auf unsere Community schaut, stellt man fest, dass diese super offen, kritisch und interessiert ist. Da bin ich echt stolz drauf.

Man bekommt es ja am Rande mit, dass einige funk Formate tatsächlich sogar Hate abbekommen. Auf der anderen Seite gibt‘s Formate wie unseres oder auch das Y-Kollektiv, sowie Follow.me Reports, die sind davon bisher größtenteils verschont geblieben. Kritik finde ich persönlich gut, aber blinden Hass braucht keiner.

Mit unserer Community bin ich super zufrieden. Die Grundsteine dafür wurden bei der Themenreihe zu den psychischen Erkrankungen gelegt. Wann immer ich die Kommentare lese, bin ich super begeistert. Ich freue mich sehr, dass sich die Leute bei uns in der Kommentarsektion sicher fühlen und uns so sehr vertrauen, dass sie sich dort, ohne Angst vor Provokationen, frei äußern können.

TubeNOW: Hat dich denn die Zuschauerreaktion bei einem Thema schon mal sehr überrascht? Sei es auch nur, dass das Interesse größer war als erwartet?

Michael: Auch da wieder bei der Psychiatrie Themenreihe. Das ist unser erfolgreichstes Video. Da bin ich einige Tage in die Psychiatrie gegangen und das war sicherlich ein wertvoller Beitrag zur Entwicklung unserer Community. Dort hat man gemerkt, wie viele Leute tatsächlich von Depressionen, Selbsthass, Selbstverletzung und Bulimie betroffen sind. Mir war das Ausmaß der Probleme im Vorfeld nicht ganz bewusst.
Uns ist aufgefallen, wie viel Bedarf es in diesem Bereich an Gesprächen und Aufklärung gibt. Für mich war die Psychiatrie ursprünglich ein Schreckensort, weil ich nicht wusste, was dort passiert. Ich habe dann allerdings einige sehr positive Therapiemöglichkeiten kennengelernt. Mittlerweile ist mir völlig klar, dass man sich bei entsprechenden Problemen einfach Hilfe suchen sollte.

TubeNOW: Was sind denn Themen, die du dir für die Zukunft wünschst?

Michael: Ich freue mich sehr über die Videoreihe zum Thema Ernährung, bei der ich verschiedene Ernährungsstile ausprobieren werde(Anm. d. Red: Diese Themenreihe ist mittlerweile bereits online). Dabei werden wir aber nicht die bereits vielbesprochenen Themen zuckerarme und vegane Ernährung ansprechen, da diese bereits in anderen Reportagen gut und ausführlich besprochen wurden. Auch interessant fänd‘ ich eine Themenreihe zur Abzocke im Netz oder zu Drogen.

TubeNOW: Welche Zuschauergruppe erreicht ihr mit eurem Kanal und welche wollt ihr vor allem erreichen?

Michael: Es ist sehr themenabhängig. Mit jeder Frage ändert sich unsere Zuschauerschaft ein wenig. Mit Videos zu Themen wie Knast, Waffen oder Drogen erreiche ich tendenziell eher Männer, mit anderen eher Frauen. Aktuell schauen uns aber definitiv mehr Frauen, das hat sich auch wieder durch die Videos zu psychischen Erkrankungen ergeben. Ich persönlich finde es gut, wie es jetzt ist. Der Idealfall wäre aber natürlich 50/50.
Letztendlich freue mich über junge und interessierte Zuschauer.
Wenn ich mir aber konkret versuche eine Person vorzustellen, für die wir diese Videos machen, habe ich eine junge Frau vor Augen, die sich mit der Frage beschäftigt, wo ihr Platz in der Welt ist. Das finde ich in den Kommentaren auch immer wieder. Der Großteil der Zuschauer ist zwischen 16 und 24.

TubeNOW: Danke für das Interview.

Weitere Interviews aus unserem Funk-Spezial findet ihr hier.

Chrisi Chrisi ist eine medienbegeisterte Studentin. Seit 2014 betreibt sie einen eigenen YouTube-Kanal und beschäftigt sich mit der Webvideobranche. [email protected]

Lass gerne einen Kommentar da