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Mit ihrem aktuellen Video zeigt sich Kelly MissesVlog von ihrer emotionalen und reflektierenden Seite. Ich möchte das zum Anlass nehmen, mal ein paar Worte über sie zu verlieren.

Das hier wird keine akkurat aufgearbeitete Zahlenshow. Wann begann Kelly mit YouTube, wie viel Aufrufe hat sie und überhaupt, was verdient diese Frau eigentlich? Nein. An dieser Stelle versuche ich Kelly auf Grundlage meines Kelly-Konsums, meiner Wahrnehmung und Empfindung einzuordnen. Warum ich das tue? Weil ich glaube, dass Kelly als junge Frau auf YouTube es verdient hat.

Als ich Kelly MissesVlog Ende 2013 abonniert hatte drehte sie ihre Videos noch überwiegend aus ihrem Zimmer. Ich erinnere mich nicht an das erste Video, weiß aber, dass das rollende „R“ sich eingeprägt hatte und ich ihre leicht überdrehte Art mochte. Aber warum ich schon direkt zu Beginn von Kelly überzeugt werden konnte lag an ihrem Video in welchem sie über introvertierte und extrovertierte Menschen redete und anhand nachvollziehbarer Beispiele ihres eigenen Verhaltens uns gut darlegt, dass sie ein introvertierter Mensch ist. Darin sah ich zum ersten Mal die Kelly die sich mit klarem Kopf, bodenständigen Gedanken und vernünftiger Selbstreflexion wohltuend abhob.

Nicht wenige der groß und bekannt gewordenen YouTuber löschen nach etlichen Jahren Videos aus der Anfangszeit ihrer YouTube-Kariere und begründen dies damit, dass sie sich nicht mehr mit den Videos, dem Inhalt oder dem gesagten identifizieren könnten. Ich verstehe, wenn einem das frühere „Ich“ mal peinlich sein kann oder man sich über damalige Äußerungen und Meinungen die man getätigt hatte, wundert. Auch Kelly sagte in ihrem „DEABONNIERT mich, bitte!„-Video, dass sie natürlich nicht mehr die 17-jährige Kelly von damals sei und dass das auch gut so ist. Aber nach wie vor findet man auch die ersten Videos bei ihr auf dem Kanal. Und ja, die Videos und sie selbst sind schon anders als das was man jetzt bekommt. Manch andere YouTuber hätten einfach die frühen Videos gelöscht oder auf privat gestellt. Dass sie ihre frühen Videos noch online hat, zeigt für mich erneut ihren starken Charakter und ihre Andersartigkeit im Kosmos YouTube. Sie ist, wie wir alle, das Produkt eigener Entscheidungen und Erfahrungen. Man erlebt eben schöne und unschöne Dinge und sieht Sachen danach auch mal anders. Aber offensichtlich kann sie sich noch mit der jüngeren Kelly arrangieren. Das ist vorbildlich und richtig, denke ich. Und keiner kann mir sagen, dass dieses Video aus frühesten YouTube-Tagen nicht lustig ist.

 

Kein Mainstream, aber dennoch YouTube-Like

In ihrem aktuellen Video spricht Kelly davon, dass sie in jüngeren Jahren immer Angst hatte anzuecken und zu polarisieren und sie daher eher mit dem Strom geschwommen ist. Das mag natürlich im privaten Umfeld so gewesen sein, ich empfand es auf YouTube allerdings ganz anders. Klar, mit „Kelly kommentiert Kommentare“ gewinnt sie keinen Innovationspreis, aber mit ihrer ganzen Art und Weise ihre Videos zu präsentieren und teilweise auch mit ihrer Themenwahl und letztlich auch mit sich als Person an sich, schwamm ihr Kanal nicht im Mainstream, sondern positionierte sich etwas anders. Nicht gegen den Strom, aber eben etwas abseits des Mainstreams, aber in die gleiche Richtung treibend. Allerdings, ihr leicht anderer Weg, ohne gänzlich anders zu sein, hat mir damals sehr gut gefallen und ich empfand es immer wieder als angenehm zu sehen, dass sie sich mit ihrem Content eben nicht dem YouTube-Einheitsbrei unterordnete. Ob das nun bewusst oder einfach aus ihrer Art heraus passierte, spielt letztlich keine Rolle.  Nochmal: Ich sage hier nicht, dass Kelly nicht auch YouTube-klassische Themen oder sogar Trends aufgriff und aufgreift, aber sie hat nebenbei genug Content produziert der anders genug war um sich abzuheben und der grundsätzlich immer auf eine sehr eigene aber immer passende und ehrliche Art vorgetragen wurde.

 

Projekte abseits ihres Kanals

Kelly wurde besonders 2015/2016 von Studio71 ziemlich gepusht, hatte ich das Gefühl. Mit „The Mansion“ schickte das Netzwerk viele größere und potentiell wachstumsstarke YouTuber nach L.A. und ließen sie dort leben, dort Videos drehen, dort kollaborieren und voneinander profitieren. Kelly war auch vor Ort und wurde damit einer breiteren Masse bekannt. Man sah sie später auch Lets Play Poker moderieren, sie nahm an TV Total Events teil und moderiert nun gemeinsam mit Sturmwaffel die Funk-finanzierte MorningShow „Guten Morgen, Internet!„.  Also auch außerhalb ihres YouTube-Kanals war und ist Kelly sehr aktiv. Kelly hat sich ihren Platz auf jeden Fall verdient. Welchen Platz? Einfach ihren. Den welchen sie sich selbst geschaffen und gemütlich eingerichtet hat. Ihren Kelly-Platz.

Ich hab Kelly übrigens zweimal getroffen. Einmal auf der TubeCon und einmal bei Last Man Standing 3. Beide Male, ich weiß nicht ob sie es bewusst getan hat, hat sie sich umgedreht als ich auf sie zugelaufen bin. Ich hätte mich gerne mal mit ihr unterhalten. Ich würde gerne mal mit ihr sprechen. Ernsthaft, tiefgehend, über ihr öffentliches Leben, ihre Erfahrungen die sie macht, wie sie ihr YouTuber-Leben beurteilt, wie sie es wahrnimmt und was es mit ihr macht. Aber als sie sich umdrehte, blieb ich stehen und war mir unsicher ob ich sie nicht eventuell nerve oder ungefragt in ihre Wohlfühlzone eindringe, wenn ich sie dennoch angesprochen hätte. Andere Leute hätte ich angesprochen, bei Kelly war ich rücksichtsvoll. Nunja.

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Meine Zeit ließ es nicht zu, immer jedes Video von Kelly zu schauen. Ich bin auch nicht die klassische Zielgruppe mit meinen inzwischen 33 Jahren, von daher gab und gibt es Videos die mich vom Thema her einfach nicht interessierten. Aber eines blieb bis 2016 immer auffällig, finde ich. Ihr sehr eigener Humor, ihre Fähigkeit herzhaft über sich selbst zu lachen, das rollende „R“ und ihr Talent zwischendurch ernstere Themen anzuschneiden und diese vernünftig, differenziert und wenn es sein muss auch reflektierend wiederzugeben. Genau diese Mischung ließ mich in Kelly immer eine gute Unterhalterin sehen. Und zwar, weil sie einfach Kelly ist. Es wirkte auf mich alles immer sehr authentisch.

 

Kelly auf der Suche nach sich selbst

Aber tatsächlich blieb es so nicht. In ihrem Video „DEABONNIERT mich, bitte!“ macht Kelly klar, dass sie sich verändert habe, dass speziell das letzte Jahr außergewöhnlich war, dass sie sich selbst ein Stück verloren hatte. Sie hat das Gefühl ihr Channel befinde sich in der Pubertät. Kelly lässt offen ob sie den vergangenen Content aus 2016 und 2017 nun eher nicht so toll fand, merkte allerdings schon an, dass sie eine Rolle spielte. Und zwar die Rolle der 17-jährigen Kelly, sagte sie.

Allerdings habe ich das anders empfunden. Ich habe zwar bemerkt, dass Kelly nicht mehr diese Eigenschaften in sich vereinte, zumindest nicht in ihren Videos, die mir imponierten und die mich unterhielten, aber ich sah das nicht im Zusammenhang mit einer gespielten Rolle. Ich empfand sie in dieser Zeit als sehr distanziert, manchmal ein wenig arrogant und vor allem nicht mehr befreit lustig. Irgendwann Mitte 2016 hat sie mich dann als regelmäßigen Zuschauer verloren. Speziell das „Sie ist fett!!!“-Video hat mir eine Kelly gezeigt, die ich als nicht authentisch wahrnahm. Was nicht heißen soll, dass sie es letztlich tatsächlich nicht wahr, versteht sich.

In ihrem Video „DEABONNIERT mich, bitte!“ reflektiert sie die letzten 1-2 Jahre. Und genau dieses Video ist es, wo ich das Gefühl habe die Kelly zu sehen, die mich früher immer so hat begeistern können. Aus meiner sehr weit entfernten Sicht auf die Dinge habe ich die Kelly 2016/2017 als unecht, etwas distanziert und arrogant wahrgenommen aber nicht als gespielte Kelly von vor 5 Jahren oder ähnliches. Denn vielmehr sehe ich jetzt in diesem letzten Video mehr die Kelly von vor 5 Jahren als zuletzt. Aber nicht ausschließlich. Ja , ich hatte das Gefühl die Kelly von früher zu sehen. Nur eben angereichert mit Erfahrung, mit Lebensjahren, mit erweitertem Horizont. Kelly sagte in ihrem Video es wäre schlimm, wenn man sich nicht verändern würde. Dem stimme ich zu. Aber oft denken die Menschen, dass sie sich gegenüber dem früheren „Ich“ grundlegend verändern müssen und dass es schlimm wäre, wären sie noch so wie früher. Ich persönlich sehe das anders. Klar sollte man sich verändern, aber eher im Sinne eines Upgrades, nicht im Sinne einer komplett neuen Version.

 

„Die Kelly von früher gibt es nicht mehr.“

Und nun, in diesem mehrmals schon erwähnten Video hatte ich das Gefühl, dass sie die junge Kelly wieder gefunden hat, sie mit ihren Erfahrungen und neuen Lebensumständen anreicherte und nun eben zu der Kelly geworden ist die wieder klar argumentiert, klar differenziert und ganz fantastisch selbst-reflektiert. So wird sie, einfach nur weil sie ist wer sie ist, ganz automatisch zu einer der viel zu wenigen weiblichen empfehlenswerten Vorbilder auf YouTube. Ich verstehe warum sie sich mit Mirella und Malwanne so gut zu verstehen scheint. Denn diese Frauen, so würde ich argumentieren, sind ihr recht ähnlich.

Jeder Mensch befindet sich hin und wieder auf der Suche zu sich selbst. Bei Kelly war das wohl nun der Fall. Jetzt hat sie sich wieder gefunden, sagt sie. Ich freue mich und bin gespannt wie es mit ihrem Leben auf YouTube weiter geht. Und eventuell dreht sie sich beim nächsten Mal ja nicht um, wenn ich auf sie zu gehe und nett um ein Interview bitten, oder einfach nur „Hallo“ sagen möchte.

Florian

Florian

Florian ist TubeNOW-Portalleiter und langjähriger Webvideo-Beobachter. [email protected]

There are 1 comments

  1. Wenn man über 30 (oder wie in meinem Fall sogar über 40) ist, ist es in der Tat sogar als YouTuber irgendwie doof, junge YouTuber anzusprechen, deren Werk man einfach interessant findet 🙂 Aber das wird nicht besser. Irgendwann wird man eh nur noch für einen Vater gehalten, der jetzt wahrscheinlich gleich die Tochter ausrufen lassen will, weil sie nicht am vereinbarte Treffpunkt war. Immerhin glauben die dann, dass man sie nicht mehr kennt und der Promifaktor ist weg.

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