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Hit and Run – Interview mit Regisseurin Lea Becker und Produzent Florian Schneider

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Mit Hit and Run publizierte funk in Kooperation mit der Münchner Produktionsfirma lüthje schneider hörl FILM eine Suspense und Coming-of-Age-Webserie, die sich sehr nah an der Lebensrealität Jugendlicher orientiert.

Unter der Regie von Lea Becker, Gewinnerin des Deutschen Kurzfilmpreises 2017 mit dem Film Jenny, entstand eine fünfteilige Jugend-Serie mit einer Gesamtlaufzeit von rund 60 Minuten. Für die Produktion von Hit and Run zeichnete sich Florian Schneider, Mitgründer der Produktionsfirma lüthje schneider hörl FILM verantwortlich.

Wir sprachen mit Regisseurin und Drehbuchautorin Lea Becker und dem Produzenten Florian Schneider über die Entstehung von Hit and Run, die engagierte Herangehensweise und über eine zweite Staffel.

 

TubeNOW: Lea, was steckt denn genau hinter Hit and Run?

Lea Becker: Hinter Hit and Run verbirgt sich eine von funk in Auftrag gegebene Webserie. Die Hauptfigur Zoe verantwortet einen Autounfall und hat ein Wochenende Zeit, alles wieder gut zu machen. Dabei verstrickt sie sich allerdings immer mehr in Komplikationen. Hit and Run ist ein junges Format von jungen Filmemachern. Es richtet sich spezifisch an junge Leute, ist aber so geschrieben, dass alle Altersgruppen Spaß daran haben können.

Lea Becker

Florian Schneider: Unser Ziel war es, dass wir mit der Serie in der Lebenswirklichkeit der Zuschauer stattfinden. Dass wir Probleme behandeln, die bei den Zuschauern gerade aktuell sind. Und dass wir von der Ansprache her nicht unbedingt wie eine Anti-Drogen-Kampagne der Polizei rüberkommen.

Lea: Genau. Die Authentizität der Erzählung war uns extrem wichtig. Wir sind nun selbst keine Jugendlichen mehr, aber wir sind nahe an der Zielgruppe dran. Ich selbst beschäftige mich auch viel mit Jugendlichen, unter anderem in einem Kochprojekt an einer Förderschule.

TubeNOW: Jugendliche bekommen nun gerne von Filmemachern gesagt, dass man mit der neuesten Jugend-Serie, dem neuesten Jugend-Film

Florian Schneider

genau ihren Geschmack und ihre Sprache getroffen hätte. Oft werden sie enttäuscht. Wie stellt ihr sicher, dass ihr tatsächlich die Sprache der Jugend trefft?

Lea: Als erstes haben wir uns klar gemacht, dass es die Jugendlichen an sich gar nicht gibt. Das ist eine Fehlannahme vieler Menschen. Die Jugend ist nicht in eine Schublade zu packen. Es ist uns durchaus klar, dass es innerhalb der Jugendlichen ganz unterschiedliche Interessen und ganz unterschiedliche Herkünfte gibt. Wir haben ein Drehbuch geschrieben, was in seiner Spannung auf die jugendlichen Wünsche eingehen soll. Ich habe auch eine Regieversion des Drehbuchs geschrieben, in welchem ich besonderen Wert auf die Dialoge gelegt und darüber nachgedacht habe, was der Sprech der Jugendlichen ist. Dass ich das ganz gut kann, hat ja auch „Jenny“ gezeigt, mein vorheriger Film. Der war im Übrigen die Grundlage dafür, diesen Auftrag überhaupt zu bekommen. Wir haben auch mit den Nachwuchsdarstellern viel über das Thema Authentizität gesprochen. Wir haben über die Klamotten, die Musik und über die Art des Sprechens geredet um sicher zu gehen, dass wir die Jugend authentisch darstellen.

Florian: Eine Stärke, die Lea mitbringt, ist eben ihre Expertise aus dem Dokumentarischen. Es geht weniger um das Darstellen, sondern eher um das Beobachten. Ein wenig wie in einem beobachtenden Dokumentarfilm. Das ist der Ansatz, mit dem wir versucht haben, das Szenenbild und auch die Kamera zu gestalten.

Lea: Niemand von uns ist spezifisch auf Recherche gegangen, um zu ergründen, wie Jugendliche denn nun eigentlich drauf sind. Natürlich haben wir mal Ben, einen unserer jüngsten Darsteller, gefragt, wie sein Zimmer aktuell aussieht und was da für Poster hängen. Aber wir haben nicht den fernen Blick eines Mittfünfziger-Regisseurs, sondern beobachten aus der Nähe. Das macht den Unterschied.

 

Es war unser Wunsch, die Jugendlichen an etwas heranzuführen, das auch ihren Horizont erweitert. Lea Becker

 

TubeNOW: Ihr habt vor etwa vier Wochen alle fünf Folgen auf einmal publiziert. Warum habt ihr euch dafür und nicht für eine wöchentliche Veröffentlichung entschieden?

Florian: Man experimentiert. Das ist das Tolle an funk. Dass man sowohl inhaltlich als auch formal experimentiert. Wir hatten weder eine Vorgabe bezüglich der Lauflänge der Episoden, noch wie das mit dem Launch und dem Release zu sein hat. Wir haben uns gemeinsam darauf geeinigt, dass es bei einer gesamten Laufzeit von knapp sechzig Minuten sinnvoll sein könnte, eine ähnliche Strategie zu fahren wie Netflix. Alles wird an einem Tag veröffentlichen und jeder kann die Serie in dem Tempo genießen, wie es ihm genehm ist.

Lea: Es war unser Wunsch, die Jugendlichen an etwas heranzuführen, das auch ihren Horizont erweitert. Ich hatte nie vor, eine musikvideoähnliche Serie zu machen, die schnell geschnitten ist und ununterbrochen schnelle, laute und bunte Bilder macht. Nur um die Jugend mit ihrer angeblich so geringen Aufmerksamkeitsspanne zu catchen. Wir führen sie an eine etwas tiefere Geschichte und ein langsameres Erzähltempo ran, als sie es vielleicht gewöhnt sind. Wir bieten auch eine intensive Bilderwelt, die Raum für Interpretation lässt. Das ist schon eine Gratwanderung und ich hoffe, die ist uns gelungen. Ich denke, wir haben wirklich Qualität geliefert. Zumindest lässt sich das gut aus dem Feedback heraushören. Im Übrigen funktioniert die Serie auf verschiedenen Kanälen. Die Serie sieht nämlich auch auf einer großen Leinwand gut aus, denn Hit and Run lief auf einem Festival vor 180 Jugendlichen. Aber die Bildsprache funktioniert auch auf einem kleinen Handy, bei Tageslicht, wenn man an der Bushaltestelle steht.

Hit and Run – Sophia Schober

 

Nun, da die Folgen alle online sind, bekommen wir sehr viele Fragen bezüglich einer zweiten Staffel. Florian Schneider

 

TubeNOW: Die Abrufzahlen sind nach den ersten Wochen mehr als ordentlich. Florian, wie ist denn das allgemeine Feedback bisher?

Florian: Danke, wir freuen uns sehr über das Feedback. An der Stelle möchte ich eine kleine Anekdote erzählen. Ich glaube, man kann ganz offen sagen, dass wir als Filmemacher vielleicht einen Fehler gemacht haben. Wir haben bereits Anfang Januar einen Teaser veröffentlicht, der ein Handyvideo zeigt, auf welchem wiederum ein Autounfall zu sehen ist. Wir dachten, das Video würde als echt wahrgenommen werden, und man würde darüber reden. Wir hatten die Zielgruppe allerdings unterschätzt. Den Leuten war natürlich total bewusst, dass das Video ein Teaser für ein fiktionales Werk ist und das Feedback war sehr negativ. Wir hatten Sorge, es könnte sich auch auf die eigentlichen Folgen ausweiten. Als wir dann aber den ersten Trailer veröffentlichten, waren die Stimmen viel positiver. Nun, da die Folgen alle online sind, bekommen wir sehr viele Fragen bezüglich einer zweiten Staffel.

Lea: Bemerkenswert ist, dass wer sich entscheidet, weiter als die erste Folge zu sehen, die ganze Serie durchguckt! Zwischen Episode 2 und Episode 5 gibt es kaum Fluktuation. Mich hat im Übrigen die Reaktion der Zuschauer auf das Auto und das Reh beeindruckt. Oft wurde gefragt, warum deswegen so viel Aufwand von unserer Hauptakteurin betrieben wurde. Dazu folgendes: Ein Teil der Vorgabe von funk war, dass man nicht die ganz große Keule rausholt. Keiner sollte sterben. Es sollte etwas passieren, das für Jugendliche schwer zu handhaben ist, aber wo wir Erwachsene einfach den ADAC anrufen würden, um bei unserer Geschichte mit dem Autounfall zu bleiben. Wenn man siebzehn ist, keinen Führerschein besitzt und getrunken hat und in der Nacht das Auto ohne Erlaubnis genommen hat, dann ruft man wohl nicht einfach seine Eltern an. Somit kommen unsere Leute auch immer tiefer in diesen Strudel. Da ist das Reh dann „nur“ einer von vielen Bausteinen. Zu dieser Erzählung stehe ich auch. Allerdings würde ich mir schon wünschen, dass wir in der zweiten Staffel etwas krasser werden dürfen.

Florian: Es ist eine ganz klassische Coming-Of-Age-Geschichte. Es geht um Freundschaft, aber auch um einen sexuellen Übergriff. Es werden schon ganz große Themen aufgemacht. Am Anfang steht zwar der Unfall, aber es geht um sehr viel mehr. Und die Themen, die wir behandeln, sind aus dem Leben gegriffen und daher auch gut nachvollziehbar.

 

Es war ein toller Dreh und eine sehr professionelle Zusammenarbeit.Lea Becker

 

TubeNOW: Was ist denn eine typische Herausforderung bei dem Dreh einer Webserie?

Lea: Ich glaube, die Herausforderung ist eigentlich, dass man mit den Erwartungen, die aus der Industrie kommen, umgehen muss. Immerhin mache man ja „nur“ eine Webserie und das müsse ja mit geringen Mitteln machbar sein, so die Erwartung. Eine weitere Herausforderung ist, dass man zügig erzählen muss. Dynamisch, damit die Leute dranbleiben. Aber insgesamt ist es wichtig, eine Professionalität mitzubringen, um so zu arbeiten, wie wir eben gerne arbeiten. Es war ein toller Dreh und eine sehr professionelle Zusammenarbeit.

Florian: Ich denke, eine klassische Herausforderung bei Webserien gibt es gar nicht. Jede Serie ist anders und hat spezielle Herausforderungen. Was Lea bezüglich der Industrie gesagt hat, kann ich allerdings noch ausführen. Allgemein wird erwartet, dass eine für das Netz produzierte Serie auch für einen Bruchteil des Budgets zu machen sein muss. Aber die Zielgruppe hat berechtigte Ansprüche an die Qualität. Die sehen Serien auf Netflix und Amazon, was in ihrer Wahrnehmung eben auch Webserien sind. Denn auch diese Serien konsumieren sie auf ihrem Handy. Das alles findet im Web statt.

Lea: Bei all dem, was es in Hit and Run zu sehen gibt, muss man ein großes Lob an die Produktion aussprechen. Denn trotz überschaubarem Budget haben wir mit dem Autounfall und einer Wasserszene zwei Stunts mit eingebaut. Zudem haben wir viele Nachtdrehs.

Hit and Run – Sophia Schober und Ben Felipe

TubeNOW: funk kam auf aufgrund deines vorherigen Films auf dich zu, Lea. Wie genau fand das statt?

Lea: Ich hatte einen Film an der Filmhochschule gedreht. Ich studiere Dokumentarfilm. Aber ich hatte mit „Jenny“ einen fiktionalen Kurzfilm gedreht, welcher auf dem Filmfestival Max-Ophüls-Preis in Saarbrücken lief. Dort hatte ihn der ZDF-Redakteur Burkhard Althoff gesehen und mir daraufhin in einer Email geschrieben, dass er gerne eine Jugendwebserie im Crime-Format entwickeln möchte und sich eine Zusammenarbeit vorstellen könne. Ich habe einen Großteil der Leute, mit welchen ich bei Jenny schon zusammengearbeitet hatte, ins neue Team geholt und die Produktionsfirma lüthje schneider hörl | FILM vorgestellt bekommen, die ja schon lange mit dem ZDF zusammenarbeitet. Die gesamte Serie ist dann erst entwickelt worden. Sie sollte bis Ende 2017 fertig sein. Das war für mich eine total tolle erste Sendererfahrung – erstens gefragt zu werden, und zweitens, nur ein Jahr von der Anfrage zur Publikation vergehen zu sehen. Es war eine gute Zusammenarbeit, sowohl mit dem Auftraggeber als auch der Redaktion. Ich habe das als sehr konstruktiv empfunden. Alle wussten, das Tempo ist die Vorgabe und das hat gut funktioniert.

Florian: Man spürt schon ganz stark Leas Handschrift. Hit and Run ist ein Blick auf jugendliche Wirklichkeiten, ohne zum Social-Porn zu werden. Diese sensible Herangehensweise ist eine der großen Stärken von Lea.

TubeNOW: In vielen Kommentaren wird nach einer zweiten Staffel gefragt. Die Klickzahlen sind gut. funk wird wohl zufrieden sein. Einer zweiten Staffel dürfte eigentlich nichts im Wege stehen, oder?

Lea: Wir haben große Lust darauf, aber noch ist nichts offiziell.

TubeNOW: Lea, du hast doch sicher schon Ideen für die nächste Staffel, richtig?

Lea: Oh ja, wir haben ganz konkrete Ideen.

TubeNOW: Mit dem gleichen Cast und einer Forterzählung der Geschichte?

Florian: Wir haben unsere Vorstellungen über den weiteren Verlauf, aber für Details ist es noch zu früh.

TubeNOW: Besten Dank für das interessante Interview.

Florian Florian ist TubeNOW-Portalleiter und langjähriger Webvideo-Beobachter. [email protected]

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