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Manniac im Interview – Über Arbeit und Herausforderungen bei frei.willig.weg

Manniac im Interview – Über Arbeit und Herausforderungen bei frei.willig.weg

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Im Oktober 2016 startete funk das Format frei.willig.weg. Animationskünstler und Webvideo-Bekanntheit Manniac begleitete zwei FSJler während ihrer Arbeit in Kamerun und Paraguay. Allerdings konnte der Kanal nur eine sehr geringe Reichweite generieren und wurde schon Anfang 2017 wieder eingestellt. Manniac sprach mit uns über die Schwierigkeiten und Herausforderungen bei der Produktion und was das Format aus seiner Sicht dennoch interessant gemacht hat.

TubeNOW: Manniac, wie kam der Kontakt zu Funk zustande?

Manniac: Das war kompliziert. Ich kannte Jannis Kucharz über Twitter und hatte ein paar Mal mit ihm über den neuen Jugend-Sender der Öffentlich-Rechtlichen gesprochen, und darüber, dass ich Interesse hätte, mitzuwirken. Die konkrete Anfrage kam dann aber über die Agentur hitchon, die mit dem ZDF und der katholischen Fernseharbeit ein Format über Freiwilligendienstler im Ausland machen wollten. Dadurch kam der Ball zurück zu Jannis.

TubeNOW: Du sprichst vom Format frei.willig.weg. Was waren die Argumente die dich überzeugt haben für das Format zu arbeiten?

Manniac: Im Format ging es darum, verschiedene interessante Länder zu bereisen, und dort eine Dokumentationsserie über Freiwilligendienstler zu drehen. Dabei ging es natürlich auch ums Reisen, um Selbsterfahrung, erwachsen werden, aber auch darum zu informieren und ggf. mit Vorurteilen aufzuräumen. Das hat mich gereizt. Wichtig war außerdem, bezahlt zu werden. Normalerweise, wenn ich für eigene Projekte reise, wie zum Beispiel nach Nordkorea oder Tschernobyl, muss ich das selbst bezahlen, und leider ist einfach nie genug Geld da.

TubeNOW: In welche Länder hat es dich denn im Rahmen des Formats hin verschlagen?

Manniac: Nach Paraguay und nach Kamerun.

TubeNOW: Bei deinen persönlichen Reisen konntest du allein entscheiden wie du das Erlebte deinen Zuschauern näherbringst. Nun allerdings warst du Teil eines Teams. Wie veränderte das die Art einer Reise und die Art der Dokumentation?

Manniac: Ich hatte beim Funkprojekt große Freiheiten, und dennoch habe ich mich manchmal etwas eingeschränkt gefühlt, weil ich es gewohnt war, bei meinen Videos alles komplett frei entscheiden zu können.
Allerdings konnte ich mit einigen sehr erfahrenen Leuten zusammenarbeiten. So hatte ich immer jemanden, den ich fragen konnte, wenn ich nicht weiterwusste.
Auf der anderen Seite war die Professionalität auch seltsam: Da sitzen Leute in Deutschland und helfen dir beim Koordinieren, und für sie ist das ein normaler Job, weil sie regelmäßig Formate produzieren. Natürlich ist es ihnen wichtig, dass am Ende etwas tolles dabei raus kommt, aber auf der emotionalen Ebene sind sie natürlich viel weniger involviert: Am Ende des Tages sind sie immer noch in ihrem gewohnten Umfeld. Für mich war das aber wirklich kein normaler Job, ich war ja mehrere Wochen in Entwicklungsländern unterwegs, in denen ich mich gerade zu Anfang sehr fremd gefühlt habe.
Mir ging die Erfahrung sehr nahe. Da habe ich mich dann eher bei meinem besten Freund ausgeheult, als beim Team. Manchmal hat das auch zu Spannungen mit dem Team geführt, weil ich vor Ort bestimmte Handlungsstränge anders erzählen wollte – vielleicht auch, weil ich viel näher dran war und mir die kritische Distanz gefehlt hat.
Am Ende fallen mir aber ein großer Vorteil und ein großer Nachteil ein, den man bei dieser Art der Teamproduktion hat:
Der Nachteil: Du hast nicht die Freiheit, alles selbst zu entscheiden. Wenn du ein Creator mit einer Vision bist, der diese auch umsetzen will, kann das sehr schmerzhaft sein.
Der Vorteil: Du hast Leute, die dich mit vorantreiben, selbst wenn du mal etwas weniger motiviert bist. Du weißt, dass du am Ende mit großer Wahrscheinlichkeit einen fertigen Film haben wirst.
Das ist bei einer selbst organisierten und bezahlten Reise nicht unbedingt garantiert, wenn du nicht super diszipliniert bist. Der Film kann aber auch an der mangelnden Finanzierung scheitern, wenn du nach der Rückkehr erst einmal dein Konto sanieren musst und für die Nachbereitung keine Zeit bleibt.

TubeNOW: Die Erfahrung ging dir sehr nahe. Gab es da konkrete Begebenheiten vor Ort die besonders Emotional waren? Und könntest du uns ein Beispiel nennen, damit wir deine damalige Situation besser verstehen können?

Manniac: Ich war jeweils knapp zwei Wochen in Paraguay und zwei in Kamerun. Danach hatte ich etwas Pause in Deutschland, bevor es wieder zwei Wochen nach Paraguay ging und noch mal zwei Wochen nach Kamerun.
Ich war nie zuvor in Entwicklungsländer gereist und bisher keine extreme Armut erlebt. Daher waren die Eindrücke, die Gerüche, der Zustand der Straßen und Häuser, der Siph in den Gullis, der Müll und die allgemeine Verschmutzung erst mal ein ziemlicher Schock für mich. Mir wurde klar, dass die Menschen so jeden Tag leben und auch gar nichts anderes kennen, während du in Deutschland in einem Glitzerluxusparadies schwebst. Alleine die Rückkehr und Ankunft im piekfeinen Münchner Flughafen ist surreal, und du fragst dich, ob du die letzten zwei Wochen nur geträumt hast.
Beim zweiten Besuch der Länder fiel der Schock zwar geringer aus, weil ich schon wusste, was mich erwartet, aber so richtig gute Laune bereitet es trotzdem nicht. Ich war dann sehr froh, dass die beiden Akteure der Doku vor Ort sowas wie ein Anker waren, denn ihnen ging es bei der Ankunft ja genau wie mir.

TubeNOW: Waren das die Gründe für deinen Ausstieg?

Manniac: Das Format wurde eingestellt, weil es nicht die erwarteten Aufrufzahlen erreicht hat.

TubeNOW: Du hättest also weiter gemacht?

Manniac: Ich muss noch dazu erwähnen, dass wir zur Halbzeit eine Änderung durchgeführt haben, die mir nicht zu 100% schmeckte. Davor habe ich alle Szenen gedreht und geschnitten. Zur Halbzeit haben wir dann abgemacht, dass in Deutschland von einem Cutter geschnitten wird und nicht mehr von mir. Das hatte zur Folge, dass nicht mehr alle Handlungsstränge, die ich mir vorgenommen hatte, erzählt wurden, sondern die die in Deutschland beschlossen wurden. Das meinte ich weiter oben damit, dass es schmerzhaft sein kann, wenn man selbst eine Vision hat, und dann etwas anderes dabei rauskommt.
Ich hätte wohl weiter gemacht, aber ich hätte eine Pause gebraucht. Wir haben die Zusammenarbeit dann im neuen Jahr deshalb noch mal geändert: Ich sollte nicht mehr in die Länder reisen, sondern Animationserklärfilme produzieren – immerhin bin ich dafür auf YouTube ja bekannt. Drei Filme haben wir geschafft, in denen erklärt wird, was Freiwilligendienste sind, wie man sich bewirbt und was sie überhaupt bringen. In die Länder gereist und gefilmt haben dann andere Leute. Nach etwa 30 Folgen wurde das Format allerdings eingestellt.

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TubeNOW: Wurden im Vorfeld die Erwartungen zur Reichweite kommuniziert?

Manniac: Wir hatten Aufrufe unter der Tausendermarke – da war das schon von allein klar. Darüber gesprochen haben wir natürlich auch, aber es war jetzt nicht so, dass uns gedroht wurde. Es war halt einfach klar, und auch jedem von uns wichtig, dass wir mehr Leute erreichen wollen. Nur hat das leider nicht geklappt.

TubeNOW: Hast du rückblickend eine Idee woran es lag?

Manniac: Zum einen könnte es daran gelegen haben, dass die Serie nicht lange genug durchgehalten hat. Ein Publikum muss sich erst einmal entwickeln, und das braucht Zeit. Aber das größere Problem – zumindest sehe ich das so – war, dass die Erzählweise für YouTube nicht „authentisch“ genug war, es Brüche in der Formatgestaltung gab, und die Sendungsfrequenz viel zu niedrig war.
Die beiden Akteure waren keine YouTuber, die ein Publikum unterhalten wollten. Sie waren Freiwilligendienstler, die eine Erfahrung im Ausland machen wollten, und dann gab es mich und das Team, das sie dabei begleitet. Die Initiative ging aber nicht von den Akteuren aus, und das haben die Zuschauer gemerkt: Es war nicht das persönliche Anliegen der Akteure, mit dem Publikum zu interagieren oder Kommentare zu beantworten. Zuschauer haben dafür einen besonderen Riecher.
Stattdessen sollte ich als Moderator diesen Part übernehmen. Allerdings haben sich zur Halbzeit die Stories verändert, ich kam seltener in den Videos vor, und nach der Weihnachtspause, die viel zu lange gedauert hat, war ich als Moderator ohnehin raus – das hat sicher ein paar Leute irritiert.
Gut daran war allerdings, dass sich die Stories jetzt mehr auf die Akteure konzentriert haben. Aber ich fürchte, die Zuschauerschaft wurde durch den Wechsel so sehr zurückgeworfen, dass es viel mehr Zeit gebraucht hätte, das Vertrauen wiederherzustellen.
Ebenfalls großen Einfluss hatte die Sendefrequenz. Um auf YouTube „erfolgreich“ zu sein, musste du das Algorithmus-Spiel mitspielen. Du brauchst mindestens zwei, besser noch drei Videos pro Woche, du musst eine lange Sendung produzieren – idealerweise über zehn Minuten – und du musst länger durchhalten als ein Jahr, damit sich der Erfolg einstellt. Bei frei.willig.weg hatten wir ein Video pro Woche, die Länge sollte fünf bis sechs Minuten nicht überschreiten. Meine ersten Videos waren regelmäßig länger, wofür ich dann auch getadelt wurde. Und letztlich waren wir nur wenige Monate auf Sendung. Hilfreich wären auch Kollaborationen mit anderen YouTubern gewesen, aber obwohl wir uns mehrere Möglichkeiten überlegt hatten, kam es leider nie dazu. Es ist schade. Ich finde frei.willig.weg nach wie vor ein super Format – auch die Folgen, die ohne mich gedreht wurden. Aber manchmal hat man eben einfach Pech. Vielleicht gibt es ja irgendwann einmal einen Ersatz dafür, der aus unseren Fehler lernt.

 

 

TubeNOW: Kannst du etwas über die grundsätzliche Zusammenarbeit mit funk erzählen? Waren sie jederzeit ansprechbar, bereit zuzuhören und offen für Ideen?

Manniac: Ich hatte mit Funk viel weniger zu tun als mit der Produktionsgesellschaft für dieses Format. Viele Fragen haben die auch untereinander geklärt.
Grundsätzlich war die Produktionsgesellschaft schon immer ansprechbar – während der normalen Arbeitszeiten. Was auch grundsätzlich verständlich ist. Das kann aber doof sein, wenn man es von YouTuber-Collabs gewohnt ist, dass man Leute auch zu wilden Tag- und Nachtzeiten anschreiben kann.

TubeNOW: funk gibt es jetzt rund 1,5 Jahre. Wie nimmst du funk und ihre Kanäle war?

Manniac: Ich krieg nicht viele aktuelle Entwicklungen auf YouTube oder Facebook mit – auch um mein Seelenheil zu schützen (lacht). Dass die Öffis aber auch dort aktiv sind und vielen Creatorn damit Projekte ermöglichen, die sie nie alleine hätten finanzieren können, finde ich aber super.

TubeNOW: Du selbst hast gemeinsam mit Batz den Channel Flipps gelauncht. Es erinnert ein wenig an alte Zeiten bei Moviepolit. Ihr finanziert euch über Patreon. Magst du was dazu sagen?

Manniac: Wir haben Ende 2016 Flipps aufgemacht, weil wir Filme, Serien und Games lieben. Da informieren wir mit aktuellen News oder wir analysieren und unterhalten mit Top 5-Listen. Beliebte Themen bei uns sind Superhelden, Star Wars oder was gerade auf Netflix & Co läuft. Aber wir haben auch alle aktuellen Wochenstarts und Games im Blick oder informieren über das, was hinter den Kulissen bei Disney, Fox und anderen Studios passiert.
Die Finanzierung über YouTube-Werbung und Patreon bzw. Steady funktioniert noch so halb. Wir freuen uns von über 130 Leuten unterstützt zu werden, aber zum Leben reicht das für zwei Personen nicht. Hoffentlich schaffen wir in diesem Jahr noch mal so viele Unterstützer, sonst sieht es düster aus.
Andererseits läuft Patreon ja auch erst ein halbes Jahr, deshalb haben wir Hoffnung, dass das klappen wird.

TubeNOW: Danke für das Interview.

Beitragsbild: frei.willig.weg | funk

Florian Florian ist TubeNOW-Portalleiter und langjähriger Webvideo-Beobachter. [email protected]

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