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Die deutsche Webvideo-Szene findet auf YouTube statt. Musical.ly, Live.ly, YouNow oder Instagram und Snapchat mit ihren rudimentären Videofunktionen spielen eher eine untergeordnete Rolle. Auf Vimeo findet man bisweilen sehr hochwertig produzierten Content, der auch vom Webvideopreis versucht wird wahrzunehmen, aber dort lässt sich kaum Geld verdienen. Ein ganzes Business ist rund um Googles zugekaufter Videoplattform entstanden. Aufgrund meiner Arbeit mit TubeNOW war ich eine ganze Zeit lang aufmerksamer Beobachter, schaute mal hinter die Kulissen, hinterfragte manch kritische Gegebenheiten und filterte den Nonsense für die Leser aus. Das viel mir und dem ganzen TubeNOW-Team dann zunehmends schwerer.

Wenn es uns, obwohl wir Tag ein Tag aus mit dem Thema zu tun haben, schwer fällt, neben den ganzen Pranks, Beleidigungen zwischen YouTubern, Verleumdungen und Werbecontent noch erwähnenswerte weil unterhaltsame Inhalte zu finden, wie muss YouTube denn auf Leute wirken, die nur am Rande davon mitbekommen? Eltern eines Kindes etwa, das sich gerne Minecraft-Let’s Plays der schreienden und beleidigenden Art reinzieht oder Eltern eines Mädchens die sich total begeistert ein Video einer blonden, durchgestylten jungen Frau anschaut. Dabei hält das Fashion-Sternchen der pubertierenden Tochter wie am Fließband Beauty-Marken jeglicher Art ins Gesicht und wirkt währenddessen wie die beste Freundin und sie rät dem jungen Mädchen, diese Produkte doch auch dringend mal auszuprobieren.

Was im TV undenkbar wäre ist im Netz eben kein Problem. Die FSK-Siegel auf Spielverpackungen im stationären Handel werden immer größer, die Let’s Plays mit Horrorspielen und Facecam garantieren hohe Klickraten. Der Jugendschutz greift hier nicht. Die Eltern sind überfordert, den Let’s Playern ist es egal. Let’s Plays mit kompetitiven Inhalten arten bei Rewinside und Co. gerne mal in harte Beleidigungen aus. Da schauen sich 12-jährige Kids ein durch und durch harmloses Spiel an, könnte man meinen und denken wohl auch viele Eltern, denn oftmals zücken die Kleinen die Kopfhörer und Vati und Mutti haben erstmal keine Chance das unterirdische Vokabular einiger der reichweitenstärksten deutschen Let’s Player wahrzunehmen. Das die Jugend dann auf ähnliche Weise ihre Online-Laufbahn beginnen und man sich ganz selbstverständlich hart beleidigt, muss uns nicht wundern. Das Kinder, die neu in dem Medium sind, solch ein Vokabular gar nicht erwarten und erstmal verwirrt vor einem dieser Minecraft Let’s Plays sitzen, kann ich mir sehr gut vorstellen.

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Eine 2015 durchgeführte Onlinebefragung des Forschungsinstituts Goldmedia Research ergab, dass bereits die Hälfte der 6-12 jährigen regelmäßig auf YouTube surfen. 40% der 18-29 jährigen sind gar jeden Tag auf YouTube unterwegs. Wie es sich mit den 13-17 jährigen verhält gab die Pressemitteilung von Goldmedia nicht her. Das die Zahlen in besagter Zielgruppe sich nun aber nicht sonderlich von denen der 18+ unterscheiden wird, dürfen wir aber sicherlich annehmen. Das ganze Influencer-Marketing, die Webvideo-Branche und ihre reichweitenstarken Creator scheinen keinerlei Rücksicht auf die junge Zielgruppe zu nehmen. Sie bekommen überall versteckte oder mangelhaft gekennzeichnete Produktplatzierungen oder ganze Werbevideos vorgesetzt, sie schauen sich Let’s Plays an die für ihr Alter nicht geeignet sind, sei es aufgrund des Spiels oder aufgrund der Menschen die dieses Let’s Plays zu verantworten haben. Mit „Ich will ja auch kein Vorbild sein.“ ziehen sich manche gerne aus der Verantwortung. Keine Verantwortung übernehmen wollen aber mit ihnen Kohle verdienen.

Nun, einiges ist arg nervig an unserem YouTube-Universum. Und ich war versucht zu glauben, dass man in diesem Moloch der Verderbnis einfach nicht mehr genug Gutes finden kann und wollte ihm den Rücken kehren. Aber da hab ich der Webvideo-Szene und den kreativen Menschen dort unrecht getan.

Denn trotz aller Kritik, trotz schreiender Verantwortungslosigkeit von unzähligen Seiten, gibt es vieles was mich freut, was gut und qualitativ hochwertig ist. Sei es aufgrund des Produktionsaufwandes oder einfach weil der Mensch dessen Let’s Play, Vlog, Animation, oder Musikvideo man gerade sieht, einfach auch was wert-haltiges zu erzählen hat. Auch Dinge wie Friendly Fire, die wahnsinnige Summen für den guten Zweck sammeln, sind klasse.

Und es gibt die Nörgler, wie David Hain oder auch mal Fabian Siegismund. Jede Branche braucht sie. Die Meckerer, die sich immer wieder mal zu Wort melden, auch mit einer Art und Direktheit die mal weh tut oder ein wenig über das Ziel hinausschießt. Denn diese Leute setzen gerne mal Diskussionen in Gange, die immer wieder nötig sind um YouTube-Deutschland in der Spur zu halten oder, noch besser, um YouTube-Deutschland endlich mal zu etwas mehr Vernunft, Verantwortung und Disziplin zu verhelfen.

Ich freu mich auf die nächsten Monate und Jahre und bin mir sicher, dass wir uns über jede Menge interessanter und guter Projekte freuen dürfen und über viele Dummheiten ärgern werden.

Florian

Florian

Florian ist TubeNOW-Portalleiter und langjähriger Webvideo-Beobachter. [email protected]

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